KI beschleunigt Marketing-Produktion, schafft aber keine Zeit für Strategie
Die Studie 'Marketing Production in the Age of AI' von Knak widerlegt die Erwartung, dass KI Marketing-Teams automatisch mehr Zeit für strategische Arbeit verschafft. Zwar beschleunigt KI die Erstellung erster Entwürfe deutlich, doch Freigabeschleifen, Abstimmungsaufwand und eine wachsende Zahl an Varianten kompensieren den Zeitgewinn. Für Marketingentscheider rückt damit die Gestaltung der eigenen Prozesse in den Mittelpunkt der KI-Debatte.
Was ist passiert?
Der E-Mail- und Landingpage-Anbieter Knak hat am 28. Juli 2026 den Report Marketing Production in the Age of AI veröffentlicht. Die Ergebnisse, über die unter anderem das Fachportal MarTech berichtet, zeichnen ein ernüchterndes Bild vom tatsächlichen Nutzen künstlicher Intelligenz im Marketing-Alltag.
Die zentralen Befunde der Studie:
- 85 Prozent der befragten Marketing-Teams haben im vergangenen Jahr mindestens einen Kampagnen-Starttermin verpasst, in der Regel wegen interner Workflow-Probleme.
- 82 Prozent verbringen nach eigenen Angaben mindestens die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit Produktionsaufgaben statt mit Planung oder Strategie.
- 70 Prozent der Teams setzen KI bereits in der Marketing-Produktion ein. 64 Prozent nutzen sie für erste Textentwürfe, 56 Prozent für Bilderstellung beziehungsweise -bearbeitung, 56 Prozent für Performance-Analysen und 48 Prozent für Betreffzeilen-Varianten.
- 88 Prozent geben an, dass KI-generierte Inhalte weiterhin mäßige bis umfangreiche menschliche Überarbeitung benötigen, bevor sie einsatzbereit sind.
Für die Studie wurden 333 Marketing-Entscheider in den USA, Großbritannien und Kanada befragt, überwiegend aus Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen 50 Millionen und über einer Milliarde US-Dollar. Die Erhebung wurde im Auftrag von Knak vom Research-Dienstleister Datalily über die Plattform Centiment im April und Mai 2026 durchgeführt.
Wo die Zeit tatsächlich verloren geht
Die Daten zeigen, dass der Engpass nicht in der Texterstellung liegt. Als größte Verzögerung nennen 47 Prozent der Befragten Freigaben und Sign-offs, gefolgt von Design und Kreativproduktion (38 Prozent) sowie der Abstimmung zwischen Teams (36 Prozent). 60 Prozent der Teams benötigen mindestens vier Personen, um eine einzelne E-Mail zu produzieren, und 69 Prozent durchlaufen zwei bis drei Überarbeitungsrunden bis zur Freigabe.
KI beschleunigt damit vor allem den Anfang des Prozesses: Erste Entwürfe, Bildvarianten und Betreffzeilen entstehen schneller. Die anschließenden Schritte — Prüfung, Markenkonformität, Freigabe und technische Umsetzung — bleiben weitgehend manuell. Wer nur am Anfang des Prozesses beschleunigt, erreicht den Engpass lediglich früher.
Einordnung
Die Studie widerspricht der verbreiteten Erwartung, KI verschaffe Marketing-Teams automatisch mehr Zeit für strategische Arbeit. Tatsächlich verlagert sich das Problem: Schneller erstellte Entwürfe erzeugen mehr Material, das geprüft, abgestimmt und freigegeben werden muss. Der Zeitgewinn bei der Erstellung wird durch den unverändert hohen Aufwand in den nachgelagerten Prozessstufen kompensiert.
Bei der Interpretation ist die Interessenlage des Herausgebers zu berücksichtigen: Die Studie wurde von Knak in Auftrag gegeben, einem Anbieter von Software für Marketing-Produktion, und in die Stichprobe waren auch Knak-Kunden einbezogen. Die Betonung von Workflow- und Produktionsproblemen als zentralem Engpass deckt sich mit dem Geschäftsmodell des Herausgebers. Methodik und Stichprobe sind jedoch transparent dokumentiert, und die Kernzahlen werden von unabhängiger Fachberichterstattung übereinstimmend wiedergegeben.
Für Marketingentscheider rückt damit die Gestaltung der eigenen Prozesse in den Mittelpunkt der KI-Debatte. Relevant ist weniger die Frage, ob KI eingesetzt wird — das ist mit 70 Prozent bereits breiter Standard —, sondern an welcher Stelle des Workflows sie ansetzt. Die Daten legen nahe, dass der größte Hebel in Freigabeprozessen, klaren Verantwortlichkeiten und der Integration von KI in den Produktionsablauf selbst liegt, nicht in weiteren Textwerkzeugen. Nur 29 Prozent der Teams bezeichnen ihre KI-Nutzung als fortgeschritten, also über den gesamten Workflow hinweg eingebettet — genau dort sehen die Autoren der Studie den ungenutzten Spielraum.